Meine wunderbare Reise über die Tapete
,Wir kriegen Kinder!’, ruft mein Vater in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1970 in die Gegensprechanlage des Grieser Hofes. Um halb drei Uhr komme ich zur Welt. In meinen ersten Lebensjahren beweise ich kräftiges Stimmvolumen und erhalte deshalb den Übernamen ‚Tobi Reiser’, nach einem damals erfolgreichen volkstümlichen Schlagerstar und Zitherspieler. Elterliche Drohungen verhallen wirkungslos, nur die Beschwörung einer literarischen Figur bringt mich augenblicklich zum Schweigen: Du hörst jetzt auf zu toben, sonst kommt dich der Hatschi Bratschi mit seinem Luftballon holen!
Das zweite Kinderbuch, das ich zerfleddere und voll kindlicher Hingabe bekritzle, ist Florians wundersame Reise über die Tapete. Mit einer Spielzeugbahn über die imaginären Schienen der Tapete entlang zu fahren, hinein in eine Welt ungelebter Abenteuer, beschreibt für mich immer noch am besten, was Schreiben ist.
Buchtitel nehmen mich gefangen. Noch bevor ich auf die erste Seite blättre, tun sich die Geschichten auf: Brav sein ist schwer. Aber: Schlimm sein ist auch kein Vergnügen. Oder: Meine Mutter darf es nie erfahren. Ich ziehe Astrid Lindgren einem Karl May vor, erobere mir Lieblingsplätze: Bullerbü, Saltkrokan. Aus unserer eher spärlichen Familienbibliothek stehle ich Kästners Das fliegende Klassenzimmer. Ich weiß, dass meine Mutter bei ihrer Lektüre des Buches geweint hat, Tintenflecke kennzeichnen die Seite. Ich prüfe, ob es bei mir auch funktioniert. An diesem Abend bleibt meine Nachtkästchenlampe lange eingeschaltet. Weit nach Mitternacht komme ich endlich zur tintenfleckigen Stelle. Hier hat meine Mutter geweint, denke ich mit kindlichem Staunen, da reißt es mich schon mit.
Doch unsere gemeinsamen Lesewege verzweigen sich gleich danach: Mit spätpubertärem Heißhunger verschlinge ich als Oberschüler Gruselromane und traktiere folgerichtig den Deutschprofessor bis zum Maturajahr mit allen genreüblichen Plagen: Wie Heuschrecken grassieren die Vampire und Werwölfe in meinen Aufsätzen. Erst der Beginn des Germanistikstudiums an der Universität Innsbruck kuriert mich von dieser Kinderkrankheit. Aber nicht ganz: Die Diplomarbeit schreibe ich über die nicht weniger blutigen Zeremonien und Gewaltriten im Frühwerk des Kärntner Schriftstellers Josef Winkler.
Im Jänner 1997 beginne ich an einer Geschichte zu schreiben, und die Spielzeugbahn, einmal aufs Gleis der Imagination gebracht, fährt mich geradewegs auf die der schönen Tapete abgewandte Seite meiner gewohnten Welt. Lunaspina entsteht, als ich schon davon überzeugt bin, den blutigen Gänsehautgeschichten endgültig abgeschworen zu haben.
Im Sommersemester 2002 halte ich an der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus am Inn eine Poetikvorlesung. Entgegen der Ankündigung in dem Vorlesungsverzeichnis erhält das Werkstattgespräch eine völlig andere thematische Ausrichtung. Zu Ostern stirbt meine Mutter. Die erste Motivation, die stärkste Inspiration und der schwierigste Stoff des Schreibens: Der Tod hält das Monopol. Wie schreiben in Zeiten des persönlichen Schmerzes? Aus den Antwortversuchen entsteht das Buch Nachtreise.
Seit Herbst 2000 unterrichte ich als Deutschlehrer an der Mittelschule Mariengarten in St. Pauls/Eppan, und wenn der Unterricht gut läuft, dann sitzen meine Schülerinnen und ich in der Spielzeugbahn, in rauschender Fahrt, und jagen unbekannten Zielen zu.
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